Historisches Archiv der Profession Soziale Arbeit

Heilpädagogik im DBSH

Geschichte der Heilpädagogik

Seit dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts gab es zunehmend systematische Ansätze pädagogisch geprägter Behindertenhilfe. Diese Ansätze bezogen sich zunächst auf Kinder und Jugendliche, die taubstumm, blind oder körperbehindert waren. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts lassen sich auch erste systematische Versuche pädagogischer Arbeit mit so genannten schwachsinnigen und verwahrlosten Kindern nachweisen.

In Person und Werk von J. H. Pestalozzi (1746-1827), der sich armer, verwahrloster und behinderter Kinder’ annahm, haben Heilpädagogik und Sozialpädagogik eine gemeinsame historische Wurzel. In der Mitte des 19. Jahrhunderts (1861) führten der Anthropologe und Pädagoge Jan Daniel Georgens (1823-1886) und der Pädagoge Heinrich Marianus Deinhardt (1821-1880) zum ersten Mal den Begriff Heilpädagogik ein, um damit alle bisherigen Ansätze fürsorglicher, pädagogischer und medizinischer Behindertenhilfe auf einen Begriff zu bringen.

Sie bestimmen: ,,Die Heilpädagogik im Ganzen ist ein Zweig der allgemeinen Pädagogik”; allerdings ist sie auch ein ,,Zwischengebiet zwischen Medizin und Pädagogik”.

Aus der Geschichte der vielfältigen heilpädagogischen Bestrebungen lässt sich eindeutig erkennen, dass die Heilpädagogik als Wissenschaft aus der Praxis hervorgegangen ist. Die Heilpädagogik stand lange Zeit im Spannungsfeld zwischen Medizin, Theologie, Psychologie und Pädagogik.

Die meisten Einrichtungen der Behindertenhilfe außerhalb des schulischen Bereichs waren kirchlich-diakonische, bzw. karitative Einrichtungen; ihre Praxis war von daher stark religiös geprägt.
Eine eigenständige Fachdisziplin entwickelte sich im 19. Jahrhundert allenfalls in ersten Ansätzen. In Ungarn entstand Anfang des 20. Jahrhunderts die erste Hochschule für Heilpädagogik. An der Universität Zürich wurde 1924 der erste Lehrstuhl für Heilpädagogik mit Heinrich Hanselmann (1885-1960) besetzt. Für die weitere Entwicklung der Heilpädagogik als einer pädagogischen Disziplin war die Schweizer Schule der Heilpädagogik (vor allem Paul Moor 1899-1977) von maßgebender Bedeutung. Aus dieser Richtung erschienen auch die ersten spezialisierten Lehrbücher dieses Fachgebiets. 2
 

Die besondere Bedeutung der Sozialisationsinstanz Schule im Rahmen des Erziehungssystems hatte dazu geführt, dass ein Teil der Heilpädagogik, die Sonderschulpädagogik, sich seit Ende des 19. Jahrhunderts sehr stark in Theorie und Praxis auf den schulischen Bereich konzentrierte, während es daneben immer schon eine außerschulische Praxis der Heilpädagogik gab und gibt.

Grundsätzlich jedoch bezieht sich der Begriff Heilpädagogik im einheitlichen und Einheit stiftenden Sinne sowohl auf schulische wie auch auf außerschulische Handlungsfelder.

Einen verheerenden Rückschlag erlebte die sich entwickelnde Heilpädagogik in Deutschland während der Zeit des Nationalsozialismus. Die eugenischen und rassistischen Tendenzen, die in der Gesellschaft bereits latent vorhanden waren, gipfelten unter der Nazi-Diktatur in planvollen Aktionen der Zwangssterilisierung, der Selektion und des Massenmordes an Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen.

Nach dem zweiten Weltkrieg musste man in Deutschland mühsam wieder an der abgerissenen Tradition pädagogischer Behindertenhilfe anknüpfen. Dieser Aufbau bzw. Wiederaufbau konzentrierte sich zunächst stark auf den schulischen Bereich (Ausbau eines gegliederten Sonderschulwesens); daneben widmete man sich zunehmend auch dem Ausbau weiterer heilpädagogischer Erziehungsfelder(Frühförderung, heilpädagogische Kindergärten, Arbeits- und Wohnbereich, Familienberatung).
In der DDR etablierte sich der Begriff der Rehabilitationspädagogik. Darunter wurde eine umfassende Wissenschaft verstanden, die medizinische, pädagogische, soziale und ökonomische Aspekte umfasste. Das Grundkonzept basierte auf den weltanschaulichen Maximen des Marxismus-Leninismus.

Die Geschichte zeigt, dass der Auftrag von Fürsorge und Schutz in der Vergangenheit nicht immer gewährleistet war. Das Leid von Kindern in stationären Einrichtungen in den 50er und 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts findet erst jetzt seine notwendige Aufarbeitung.

Autorin: Renate Schmidt, Heilpädagogin, Eppelheim

 

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